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Vorschau statt Vita
eine Linie, Farbe und Inhalt
auf der Suche nach dem
Inhalt, welcher Linie und Farbe bestimmt und nach
der Regel “Wer einen Wagen bauen will braucht Räder” kam ich zu den
Deutschen Literatur Nobelpreisträgern,
ich kämpfte mich durch
Mommsens “Römische Geschichte”
wie die Legionen des Lucullus durch Kleinasien, sah den Cato und sah den
Sulla kommen und sah sie alle wieder gehen, ihre Jahrhunderte flogen mir
dahin,
ihre Welt drehte sich für mich, beständig,
im Eulengebirge hörte ich
die Weber, hörte auch den Dreizigern und am nur vorläufigen
Ende auch den Soldaten zu, hörte Schiffchen fliegen und sah Häuser
brennen,
ein bisschen wankte sie schon, diese Welt,
französische Kanonen
brechen Kolbergs Tore,
Kolbergs Bürger ziehen ihnen entgegen, ziehen zum Nettelbeck, ziehen zum
Gneisenau,
Napoleon nimmt vielleicht Preußen aber Kolberg, Kolberg nimmt er nicht,
da ist eine neue Welt im Entstehen,
reiste ins schweizerische
Davos, traf dort Hans Castorp inmitten der ungleichen
und zugleich gleichen Brüder Settenbrini und Naphta, hatte selbst kein
Talent
zum Patienten, ging auch am guten Russentisch vorüber und sah diese Welt
fast stillstehen,
fand unter einer prächtigen
Araukarie ein kleines gelbes Heft “Das Traktat vom
Steppenwolf”, also folgte ich Harry Haller ins “Magische Theater” aber
dann doch
nicht so ganz, auch tanzte ich nicht mit Hermine, es drehte sich die Welt
mal schnell
und auch mal nicht,
nun in Danzig, kaufte ich
eine kleine Trommel gleich der des Matzerath,
konnte sie aber nicht so schlagen wie dieser, verfolgte Oskars Weg
durch diese Jahre, in der sich schneller drehenden, trudelnden Welt,
um ihn dann vor einer Pflegeanstalt aus den Augen zu verlieren, in der mir
nun wieder langsamer erscheinenden Zeit,
jetzt fuhr ich mit Leopold
Auberg ins stalinsche Arbeitslager, schmeckte den staubigen
blauen
Zement und auch das bittere Meldekraut, sah über allen Köpfen die Haken
und eines jeden Hungerengel, hier verharrte die Welt völlig oder doch nur
fast,
sauber und aufgeräumt
drehte sich die Welt der Frau Blum und diese Welt nahm
sich Zeit, um sich ein Bild zu machen von der Frau Blum und der Dinge die
sie tat,
und der Dinge die sie nicht tat und ich verstand, wie sie entstehen kann
die Gewalt
und zu was sie führen kann, wenn die Zeit so ist,
so stand ich am
Abgrund mancher Welt,
habe viele Inhalte für jede Menge Linien und Vorstellungen von Farben,
aber ich muss weiter, muss in die Welt der Gedichte Nelly Sachs,
muss noch die Welt Rudolf Euckens betreten,
aber auch meine Welt dreht sich nun schneller.
Andre Kiehtreiber
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